DIE SCHÄRFE DER UNSCHÄRFE

Stephan Berg, in “HORSTKEINING – SCOOP“, Edition Cantz, 2019

Dass sich einer wie Horst Keining, der im Grunde sein ganzes künstlerisches Leben der malerischen Diskussion um die Differenz zwischen Bild und Wirklichkeit und der grundsätzlichen  Unbestimmbarkeit ihres Verhältnisses gewidmet hat, diese Diskussion irgendwann auch auf das Feld der Katalogreproduktion ausweiten würde, war eigentlich zu erwarten. Zumal er diesen Schritt gewissermaßen seit vielen Jahren vorbereitet hat. Keining ist in allem, was er auf der Bildfläche tut, ein Systematiker. Lange war er dabei so etwas wie ein außerordentlich akkurater Scharfmaler, ein Präzisionsmaler, der auf der Malfläche keine noch so kleine Abweichung und Unordnung duldete, und dabei bis etwa 1997 vor allem das Verhältnis von Linie und Fläche und danach das Verhältnis von Farbfläche und Schrift auslotete.

THE SHARP END OF THE BLUR

Stephan Berg, in “HORSTKEINING – SCOOP“, Edition Cantz, 2019, Translation by Stephen Reader

When a painter of the likes of Horst Keining in principle devotes his entire life as an artist to negotiating in paint the fault-line between image and reality and the fundamental undefinability of their rapport (or lack of it), it should not come as too much of a surprise if, sooner or later, he turns to extend that debate to the field of catalogue reproductions: a step the more to be expected given that it has been prepared, as it were, over many years in advance. 
In his every engagement with the picture surface, Keining is a systematic worker. For a larger part of that career, this has meant being something like a sharp-painting definer of exact contours, a precision painter who would brook never a hint of deviation or disorganisation and in that mould, until about 1997, he devoted his time primarily to fathoming the relationship of line and plane, and thereupon the relationship of colour field and script.

Suggestive Formulierung.

Harald Kunde, in “HORSTKEINING – SCOOP“, Edition Cantz, 2019

Wer das Werk des in Düsseldorf lebenden Malers Horst Keining (*1949) überblickt, wird unschwer einen sich verstärkenden Hang zur Formaufladung und schichtweisen Überblendung der Sujets konstatieren. Waren die Arbeiten der frühen und mittleren Phase (etwa der Block der 72 Zeichnungen aus dem Jahr 1994) noch geprägt von einem Streben nach Präzision und analytischer Klarheit, dominieren heute längst komplexere Erzählstrukturen voller popkultureller Anklänge und Assoziationen. Es scheint, als hätten sich die Gewissheiten der konzeptuellen und minimalistischen Avantgarden, in deren Umfeld und Geist Keining bis zum Ende des 20. Jahrhunderts agierte, unter dem Druck expandierender Realitäten vollständig verflüchtigt und seien einem Bewusstsein unumschränkter Bildmöglichkeiten gewichen.

Went to See the Gypsy

Alexandra König, in “HORSTKEINING – SCOOP“, Edition Cantz, 2019

Die Varianten, denen sich Künstler bei der Betitelung ihrer Arbeiten bedienen, reichen von  der Verweigerung, die in einem „ohne Titel“ liegt, bis zur Etablierung eines eigenen Betätigungsfelds, das wie bei Martin Kippenbergers „241 Bildtitel zum Ausleihen für Künstler“ sogar auf das Bild selbst verzichten kann. Im aktuellen Werkzyklus von Horst Keining sind die Bildtitel genuiner Bestandteil seiner Bilder. Diese baut er in Schichten auf, die sich wie die verschiedenen Layer eines Computerprogramms überlagern. Werbung, Zeitungsausschnitte, Bildzitate, starkfarbige Muster und Ornamente lassen je nach Aufmerksamkeit und Blickwinkel diese oder jene Ebene deutlich werden. Figuratives scheint ebenso auf, wie Schriftzeichen. Als eine letzte Schicht fügt Keining schließlich die immaterielle Ebene des Titels hinzu.

Das Gehirn sieht und das Auge denkt

Dirk Steimann, in “HORSTKEINING – SCOOP“, Edition Cantz, 2019

„Nach einem Jahrhundert, in dem jeder erdenkliche Aspekt der Gegenständlichkeit diskutiert worden ist, gibt es keine Bilder mehr, auf denen einfach „etwas drauf“ ist.“ / „Die Malerei bringt alle unsere Kategorien durcheinander, indem sie ihre Traumwelt körperlicher Wesenheiten, wirksamer Ähnlichkeiten und stummer Bedeutungen entfaltet.“

So selten, wie Horst Keining aus dem unmittelbar Erlebten schöpft, so häufig schöpft er aus jenen Medien, die als Ausdrucksformen zeitgenössischen Lebens weithin zirkulieren. Hierbei handelt es sich meist um von anderen, von anonymen Urhebern geschaffene Bilder aus kunstfernen Quellen. Keining bedient sich gleichermaßen fotografischen und digitalen ‘Vor-Bildern’, Zeitungs- und Magazinabbildungen ebenso wie Video- und Filmstills.

DER BLINDE FLECK 

Text von Stephan Berg, im Katalog “HORST KEINING MARIAKIRCHEN“, Siegburg 2004

Die nach wie vor größte Herausforderung für die Kunst besteht darin, eine eigene Artikulationsform zu finden, die deutlich macht, dass es kein künstlerisches Ziel sein kann, die Welt nachzuahmen, Kunst sich eben aber auch nicht in völliger selbstbezüglicher Verschlossenheit erfüllt. Während die Autonomiedebatten des frühen 20. Jahrhunderts - aus ihrem positiven Avantgardefuror heraus - noch ganz ungebrochen die Möglichkeit beschworen, das Bild zu sich selbst zu befreien und es als Wirklichkeit zu entwerfen, die allein den selbst gesetzten Kriterien folgte, gehorcht der künstlerische Diskurs heute einer Ambivalenzbewegung, in der Bilder stets das Eine und das Andere sind: Verweise auf ihre Eigen-Tümlichkeit ebenso wie schillernde, komplexe Bezugnahme auf die Kontexte, in denen sie stehen. Eben das gilt auch für die Arbeiten Horst Keinings, die auf den ersten Blick so geistkühl, durchrationalisiert und analytisch beherrscht wirken.

THE BLIND SPOT

Text von Stephan Berg, im Katalog “HORST KEINING MARIAKIRCHEN“, Siegburg 2003, Translation by Stephen Reader

To find a form of articulation of its own continues to present art with its greatest challenge. That makes it plain that it can be no aim of art to imitate the world; but if articulate it will, the quest is as bound to fail if art begins and ends in hermetic self-reference. The autonomy debates of the early twentieth century in their positive avantgarde furore still invoked the undimmed vision of liberating the picture to render it its own being and of projecting it as reality, obeying only its own self-set laws. Artistic discourse today runs an ambivalent course, in which pictures are always both one in themselves and The Other - both references to their inherent individuality and a shimmering, complex relating to the contexts in which they stand. That is precisely where Horst Keining’s works operate, at first glance of such detached spirit, worked-out to the last, analytically in control.